Sexualerziehung und HIV-Prävention machen Schule
Methoden und Erfahrungen aus Subsahara-Afrika und Lateinamerika
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Peer review durch Christopher Castle, UNESCO und Regina Görgen, unabhängige Consultant Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, November 2011 Bewerten Sie diese Publikation (1 - 5 Sterne) ( 4 Votes ) |
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Soziale und kulturelle Faktoren (Tabus, Traditionen, falsche Vorstellungen), riskante Verhaltensweisen, fehlende Informationen und mangelhafte Aufklärung machen Jugendliche besonders anfällig für ungewollte Schwangerschaften, HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen.
Junge Menschen sind aber auch das ‚menschliche Kapital’ und die Zukunft ihres Landes, und sie brauchen sowohl Informationen, die ihrem Alter, ihrem kulturellen Umfeld und ihren Interessengebieten entsprechen, als auch Menschen und Einrichtungen, die sie begleiten und beraten. Schulen tragen daher eine besondere Verantwortung, wenn es darum geht, Jugendliche dabei zu unterstützen, riskante Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern. Bildung wird nicht ohne Grund als „sozialer Impfstoff“ bezeichnet. Wenn es gelingt, das Ziel der internationalen Initiative „Bildung für Alle“ (EFA - Education for All) zu erreichen, können pro Jahr schätzungsweise über 700.000 Neuinfektionen mit HIV – etwa 30 Prozent aller Neuinfektionen in dieser Altersgruppe – verhindert werden.
Diese Publikation beschreibt Methoden und Erfahrungen dreier afrikanischer Vorhaben (in Guinea, Mosambik und Tansania) und einer lateinamerikanischen Initiative (unter Beteiligung von Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay, Peru und Uruguay), welche mit deutscher Unterstützung Sexualerziehung und HIV-Prävention an Schulen etabliert haben.
Der zweigleisige Ansatz (approche binaire) in Guinea
Seit 2006 leistet das deutsch-guineische Grundbildungsprogramm mit seinem sogenannten „zweigleisigen Ansatz“ (approche binaire) einen Beitrag zum nationalen AIDS-Programm Guineas, der sich an Schüler/innen, deren Eltern, an junge Menschen, die nicht zur Schule gehen und an die Gemeinde als Ganzes wendet. Das Vorhaben bildet Lehrer/innen in Sexualitätserziehung für höhere Grundschulklassen fort, und trainiert Mitarbeiter/innen von Jugendzentren und sogenannte Peer Educator, die dort Beratung zu Fragen der Sexualität und der HIV-Prävention auch für Jugendliche anbieten, die nicht zur Schule gehen.
Das Programm setzt einen besonderen Schwerpunkt auf die Förderung von Mädchen, da viele von ihnen im fünften oder sechsten Schuljahr ihre Schulbildung abbrechen. Es geht es darum, ihnen und ihren Müttern grundlegendes Wissen über ihre sexuelle Gesundheit und Rechte zu vermitteln und ihr Selbstwertgefühl und Verhandlungsgeschick so zu stärken, dass sie sich bewusst gegen ungeschützte Sexualkontakte oder zu frühe Ehen und Schwangerschaften entscheiden können.
Die „Grundausstattung an Lebenskompetenzen“ (Pacote Basico) in Mosambik
Seit 2003 berät Deutschland das Programm für Bildung, Fach- und Berufsausbildung des mosambikanischen Bildungsministeriums bei der Entwicklung und Verbreitung einer sogenannten Grundausstattung an Lebenskompetenzen, mit dem Ziel, junge Menschen über die Prävention ungewollter Schwangerschaften, HIV- und anderer sexuell übertragbarer Infektionen aufzuklären.
Etwa die Hälfte der mosambikanischen Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Das Programm wendet sich an die Altersgruppe zwischen 10 und 14 Jahren und ist damit Teil der nationalen Kampagne „Fenster der Hoffnung“ (Window of Hope).
Die Kursleiter/innen für die Grundausstattung an Lebenskompetenzen werden auf Provinz- und Bezirksebene geschult. Anschließend geben sie ihre Ausbildung an alle Schulleiter/innen und an mindestens 25 Prozent der Lehrer/innen jeder Schule weiter.
Das Programm wird derzeit in sechs der insgesamt elf Provinzen Mosambiks implementiert. Zwischen 2009 und 2011 stieg dort der Anteil der Lehrer/innen, die die Ausbildung absolvierten, von 7 auf 35 Prozent.
Das PASHA-Programm (Prevention and Awareness at Schools of HIV/AIDS) in Tansania
PASHA möchte Schüler/innen Kenntnisse über ihre sexuellen Gesundheit und Rechte, HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten vermitteln und sie beim Erwachsenwerden unterstützen.
Es wird in 169 Grundschulen und 40 weiterführenden Schulen in drei Regionen Tansanias angeboten. Insgesamt wurden über 1.500 Schulberatungslehrer/innen und 4.000 Peer Educator geschult.
PASHA richtet sich vor allem an die Schüler/innen der Klassen 5 bis 7. Von ihren Mitschüler/innen ausgewählte Jugendliche werden als Peer Educator ausgebildet und lernen dabei, das PASHA-Programm an ihrer Schule in eigener Regie durchzuführen. Zweimal wöchentlich organisieren sie dann nach Schulschluss einstündige Treffen für ihre Mitschüler/innen.
Beratungslehrer/innen werden von Schüler/innen gewählt und durch das PASHA-Programm für ihre Aufgaben fortgebildet. Sie bieten an den Schulen ein auf Freiwilligkeit und Vertrauen basierendes Unterstützungsangebot für alle Lebensfragen an.
Eine Studie aus dem Jahr 2009 mit 22 teilnehmenden Schulen ergab einen deutlichen und stetigen Rückgang der Teenager-Schwangerschaften von 41 (2006) auf 12 (2009). Die Schulleiter/innen führen diesen Rückgang größtenteils auf PASHA zurück.
Lateinamerikas Harmonisierungsinitiative
2007 starteten die sechs Länder Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay,
Peru und Uruguay die Süd-Süd-Kooperation „Harmonisierung der Staatlichen Richtlinien zur Sexualerziehung und HIV/AIDS-Prävention an Schulen des MERCOSUR“ um Sexualerziehungsprogrammen und HIV-Prävention an Schulen zu stärken, die staatlichen Richtlinien für diese zu harmonisieren und um die Zusammenarbeit in dieser Sache zwischen den Gesundheits- und Bildungssektoren der sechs Länder zu verbessern.
Seit 2007 wurden in den teilnehmenden Ländern schätzungsweise 83.000 Lehrer/innen und 1.500.000 Schüler/innen durch die Sexualerziehungsangebote erreicht.
Lernerfahrungen
Alle vier oben beschriebenen Programme haben im Verlauf ihrer Konzeption und Umsetzung wichtige Lernerfahrungen gemacht, aus denen sich folgende Empfehlungen für entsprechende Sexualerziehungsprogramme für Schulen in anderen Ländern ergeben:
Die Lehrqualität verbessern: Schulbasierte Programme sollten immer auch die Weiterqualifizierung von Lehrer/innen und Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildungskompetenz der teilnehmenden Schulen beinhalten.
Nicht nur Wissen vermitteln, sondern gezielt auf Ansichten und Verhaltensweisen einwirken:
Für Verhaltensänderungen reicht es nicht, dass Jugendliche sich der Risiken bewusst werden, die mit bestimmten Verhaltensweisen verbunden sind. Um sich für andere Verhaltensweisen entscheiden zu können, brauchen sie Unterstützung dabei, neue Einstellungen und Lebenskompetenzen zu entwickeln.
Einen Schwerpunkt auf Mädchenförderung setzen: Programme sollten spezifische Maßnahmen für Mädchen anbieten, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen zu vermitteln, wie sie ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragene Infektionen vermeiden können. Dies erhöht ihre Chancen, ihre Schulbildung abschließen zu können und sich damit mehr Möglichkeiten für ihr Leben zu eröffnen.
Das soziale Umfeld der Jugendlichen einbeziehen:
Programme sollten neben den Jugendlichen selbst auch deren jeweiliges Umfeld und wichtige Bezugspersonen, wie Eltern, Familie und Freundeskreise im Blick behalten und diese soweit möglich über unterschiedliche Angebote einbeziehen.
Spezifische Maßnahmen für unterschiedliche Gruppen entwickeln und anbieten: Methoden, die im Schulalltag angewandt werden können, reichen nicht aus. Sie sollten um weitere, für den außerschulischen Bereich geeignete Angeboten ergänzt werden.
Regionale und Süd-Süd-Kooperationen fördern:
Regionale Kooperationen zu Sexualerziehungsprogrammen in mehreren Ländern einer Region fördern den Austausch über Fortschritte und Innovationen auf technischer, politischer und strategischer Ebene.









